Technisch müsste dies keine Utopie sein: Die Fahnder
im Zivil-PKW tippen das Kennzeichen des Wagens, der das observierte
Haus anfährt, in ihren Car-PC ein und bekommen in „Echtzeit” den
Namen des Autohalters auf den Bildschirm. Eine erneute Suche
in den Datenbanken der Sicherheitsbehörden mit dem ermittelten
Namen fördert die Information zutage, dass der Halter
vorbestraft ist und nach ihm gefahndet wird. Das Fahndungsbild
liefert die Abfrage gleich mit. Die Beamten reagieren sofort
und stoppen den Wagen, bevor er das Beobachtungsobjekt erreicht.
Die Praxis sieht jedoch in vielen Fällen so aus: Der
Polizist funkt die Leitstelle an, um das Kennzeichen durchzugeben
und um die Ermittlung des Halters zu bitten. Da gerade viel
los ist, dauert es eine Weile, bis das Leitstellenpersonal
die Anfrage bearbeiten kann. Da die Schreibweise kompliziert
ist, muss der Name auch noch buchstabiert werden. Wenn der
Name dann verständlich übermittelt worden ist, erfolgt
die erneute Bitte des Polizisten mit ihm das landeseigene Fahndungssystem
zu füttern. Wieder werden die Informationen per Analogfunk
in den Einsatzwagen mündlich übermittelt. Das Fahndungsbild
bekommen die Beamten vor Ort nicht zu sehen. Der Wagen hat
das observierte Haus längst erreicht, die Option, den
anfahrenden Wagen anzuhalten, ist verstrichen.
Auch bei Routineeinsätzen ist die Lücke zwischen
dem technisch Möglichen und der Realität ist klaffend:
Mit Stift, Notizblock und Kamera bewaffnet, nehmen Beamten
Unfälle auf, die an einem Glatteismorgen in die hunderte
gehen können. Zurück auf dem Revier verbringen die
Beamten ihre Zeit damit, die notierten Daten an ihren PC-Arbeitsplätzen
erneut zu erfassen. Dabei ist das mobile Revier, das per PC
im Streifenwagen mit umherfährt, längst keine Zukunftsmusik
mehr.
Mobile Computing heute – Pilotprojekte und Insellöslungen
Die Vorteile des Mobile Computing, insbesondere für die
Polizei sowie Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben
(BOS) sind vielfältig, offensichtlich und wenig strittig.
Einsatzvorbereitung, Einsatzunterstützung und Einsatzdurchführung
lassen sich mit mobilen Lösungen, wie oben exemplarisch
beschrieben, optimieren. Die dafür benötigten Technologien – Hardware,
Software und Übertragungstechnik – stehen theoretisch
bereits komplett zur Verfügung.
Bisher gibt es jedoch nur
Pilotprojekte oder Initiativen einzelner Bundesländer,
die Mobile Computing erproben oder schon eingeführt haben.
So sind in Bayern über 400 Polizeifahrzeuge
mit mobilen PCs ausgestattet. Hessen entwickelte die
Software mPol für den Einsatz von mobilen Endgeräten, die mittlerweile im Dauerbetrieb sein soll.
Übertragungstechnik – technologisch problemlos,
politisch komplex
Digitale Übertragungstechniken, wie sie Mobile Computing
für BOS erfordern, gibt es in Hülle und Fülle.
Anbieter wie Motorola, Nokia, Siemens oder EADS betreiben in
Europa bereits funktionierende digitale BOS-Netze und buhlen
zurzeit in Deutschland um entsprechende Aufträge. Doch
die längst überfällige Einführung des digitalen
BOS-Funks in Deutschland entwickelt sich zu einer unendlichen
Geschichte. Selbst das Minimalziel, den Digitalfunk bis 2006
zur WM in Deutschland einzuführen, ist nicht mehr zu verwirklichen,
wie das Bundesinnenministerium im Juli 2004 auch offiziell
erklärte. Damit leistet sich Deutschland als einziges
Land neben Albanien bis 2012 diese kommunikative Lücke.
Die heute schon funktionierenden Insellösungen arbeiten
mit den bestehenden Infrastrukturen der kommerziellen Mobilfunkbetreiber;
beispielsweise kommuniziert das hessische mPol via GPRS.
Mobile Software - Entwicklung im Griff, Implementierung
föderal
schwierig
Die softwaretechnischen Herausforderungen des Mobile Computing
haben Entwickler mit Plattformen - wie dot.net von Microsoft
- längst im Griff. Hier geht es vor allem darum, die Bedieneroberflächen
der jeweiligen Software für die verschiedenen Endgeräte
anzupassen. Eine Datenbankabfragemaske muss für einen
Handheld, oder einen Car-PC mit einem kleinformatigen Display
natürlich anders aussehen als für einen Desktop-PC
mit 19-Zoll-Monitor auf dem Revier.
Aber auch hier erschwert die föderale Softwarevielfalt
in Deutschland die Entwicklung einer ganzheitlichen Lösung:
Zwar hat die ebenfalls unendliche Geschichte der bundesweiten
Fahndungssoftware Inpol mit der erfolgreichen Einführung
auf Bundesebene 2003 ein vorläufiges Happy-End gefunden – das
10-jährige über 60 Millionen Euro teure Projekte
geht als eines der desaströsten in die Softwarehistorie
ein. Doch noch sind längst nicht alle Bundesländer
soweit, um sich mit ihren eigenen teilweise sehr modernen,
teilweise aber auch stark veralteten Applikationen an Inpol
anzukoppeln. Bis Ende 2004 sollen alle Länder mit ihren
Inpol-Versionen (Inpol-Land) soweit sein, dass eine bundesweit
integrierte Lösung entsteht, auf der dann auch eine durchgängige
mobile Lösung aufsetzen könnte.
Mobile Hardware – einsatzbereite
Systeme auf dem Markt |
|
Neben reinen Handheldrechnern,
die für
den Polizeieinsatz lediglich robuster ausgelegt sind, besteht
die Hardware für Mobile Computing im BOS-Umfeld vor
allem aus Systemen für die Nutzung in Einsatzfahrzeugen
oder mobilen Einsatzzentralen. Hier stellen Firmen wie
die deutsche Kontron AG bereits ein vollständiges
Sortiment an robusten Notebooks, Convertables und Tablet-PC
mit Docking-Station sowie Car-PCs für den Festeinbau
zur Verfügung. Aktuell unterstützen Kontrons
Systeme Einsatzkräfte in der ganzen Welt erfolgreich– von
den Friedenstruppen im Kosovo bis zur Polizei in Kalifornien.
Sie basieren auf moderner PC-Technologie, zum Beispiel
den zu Intels Centrino Technologie gehörenden Pentium-M-Prozessoren,
so dass Beamte im Wagen die gleiche Software nutzen können
wie auf dem Revier. Sie sind gegen Spannungsschwankungen
abgesichert und für den Einsatz unter widrigen Bedingungen – Hitze,
Kälte, Schmutz und Erschütterungen – konzipiert.
|
 |
Schnittstellen für die
drahtlose Kommunikation und den Anschluss von polizeitypischen
Peripheriegeräten,
etwa für Videokameras zur Geschwindigkeitskontrolle,
sorgen für die Integration in die stationären
PC-Netze und ein breites Einsatzspektrum. Schnelle Mechanismen
für den sekundenschnellen werkzeuglosen Aus- und Einbau
machen die Car-PCs tauglich für die flexible Einsatzplanung
von Polizeikräften. Für den Einbau im Wagen stehen
den Behörden verschiedenen Optionen offen: Tastatur,
Bildschirm und Rechnergehäuse können jeweils
dort angebracht werden, wo es für das Wagenfabrikat
und den gegebenen Zweck am günstigsten ist. Ergänzt
um Docking-Stationen für das Revier werden die mobilen
PC zu universell einsetzbaren Arbeitsrechnern für
die Beamten. |
Mobile Computing – politische Hürden für
einsatzreife Technologie
Alle Komponenten für die flächendeckende Einführung
von Mobile Computing bei Polizei und anderen BOS sind vorhanden.
Anders als dies etwa bei der Autobahnmautlösung der Fall
war, basieren sie auf erprobten und in anderen Branchen seit
langem bewährten Technologien. Sofern der politische Wille
vorhanden und auch die Finanzierung gesichert ist, steht der
Realisierung von „sicherheitsbehördlichem” Mobile Computing
nichts mehr im Wege.
|